Stippvisite auf den Azoren

27. März 2019

Zugegeben, dieser Trip stand zu Beginn des Jahres nicht in unserem Kalender, aber für Spontanität sind wir ja eigentlich bekannt. Kurzentschlossen ging es für mich auf die Azoren – allerdings nicht, um dort meinen Urlaub zu verbringen. Anlässlich der Rallye Azores begab ich mich nach São Miguel, mitten im Atlantischen Ozean. Mein Ziel? Einmal hautnah bei einer ERC Rallye vor Ort zu sein, sich die waghalsigen Manöver der Rallye-Piloten live anzusehen und den Spirit zu erleben, von denen uns Sean Johnston in zahlreichen Treffen und Besuchen vorgeschwärmt hat. So hieß es also: Ab auf die Insel!

Die Azoren sind eine portugiesische Inselgruppe im Atlantik. São Miguel ist dabei die größte Insel der Gruppe, ländlich geprägt und selbst die Einheimischen sagen: Hier gibt es mehr Kühe als Menschen. Und genau auf dieser Insel wird einmal im Jahr die ländliche Ruhe durch PS-starke Boliden zum Beben gebracht. 2019 wurde bereits zum 54. Mal die Rallye Azores ausgetragen und ist damit einer der traditionsreichsten Läufe der Nationalen Meisterschaft.

Ausgangspunkt der anspruchsvollen Rallye sind die Stadttore Portas de Cidade in Ponta Delgada – und genau dahin ging es für mich in meiner ersten Mission. Ponta Delgada ist die Hauptstadt der Insel und hat rund 69.000 Einwohner. Von der stickigen und hektischen Großstadt in die Idylle einer Fischerstadt war für mich ein positiver Kulturschock. Was ich als Erstes bemerkt habe, nachdem ich aus dem Flugzeug gestiegen war, war die Luft. Eine leichte Meeresbrise mit dem typischen Salzgeruch. Hier ticken die Uhren anders: Leere Straßen, volle Cafés und ein verlockender Duft auf dem Mercado in der Nähe des Hafens mit einheimischen Waren bietet das vollkommene Kontrastprogramm zur immerwährend pulsierenden Großstadt. Das war allerdings nur die Ruhe vor dem Rallye-Sturm – und der Reise, die mir bevorstand.

Am 21. März ging es los: Shakedown auf den Azoren und die ersten Wertungsprüfungen für die Rallye-Fahrer standen auf dem Programm. Im Service-Park wurden erste Kontakte geknüpft. Die Stimmung unter den Fahrern und Mechanikern ist sehr familiär und freundlich. Schnell kommt man mit allen ins Gespräch und erfährt spannende Stories. Ein wichtiger Punkt für die Beteiligten ist das Wetter. Jedes Team hat den Wetterradar im Blick, beobachtet die Lage und muss die sicherste Strategie für die bevorstehenden Wertungsprüfungen festlegen. On-Board-Auswertungen und Updates der Notes bilden hierbei den Hauptbestanteil der Auswertungen, bei denen jedes Team seine konkrete Analyse präsentiert.

Im Fahrerlager traf ich Sean Johnston und seinen Co-Piloten Alex Kihurani zum Interview: „Die Landschaft ist einzigartig. So etwas habe ich noch nie gesehen. Vulkane mit einer ausladendenden Caldera, steile Hänge, Natur pur, das ist Wahnsinn. Das macht die Wertungsprüfungen allerdings noch härter: Aller 30 Meter passiert etwas Neues. Für die Piloten ist es sehr anstrengend. Es ist einfach nur heftig, was die Driver und Co-Driver innerhalb kürzester Zeit durchgehen und umsetzen müssen. Die Wertungsprüfungen sind alle sehr schwierig zu fahren. Es gibt unterschiedliche Bodenbeschaffenheiten, die uns alles abverlangen. Jeder kleinste Fehler kann fatale Folgen haben“, teilt der Amerikaner mit.

Und auch für mich war es aufregend, dabei zu sein. Wind, Regen, Sonne, aufgewirbelter Staub und der einmalige Kontrast zwischen absoluter Stille inmitten der Idylle der Insel und Motorenlärm sowie die Fangesänge von hunderten Rallye-Fans an den Zuschauerbereichen der Stages.

Eine Rallye lebt davon, an unterschiedlichen Orten unterschiedlich lange Wertungsprüfungen zu bestreiten. Deswegen sollten sich Zuschauer unbedingt vorher informieren, wo die einzelnen Stages gefahren werden und die besten Zuschauerplätze zur Verfügung stehen. Bei der Rallye Azores 2019 wurden 15 Prüfungen mit rund 696 Kilometer gefahren.

Nach dem Shakedown in Ponta Delgada machte ich mich auf den Weg zu den Wertungsprüfungen. Startpunkt der WP2 war Santa Barbara. Die „Mediana Remédios“ führt in Richtung Süden der Insel und ist eine sehr schnelle Stage. Sowohl Einheimische als auch zahlreiche Touristen waren an den ausgewiesenen Zuschauerplätzen vor Ort, um sich das Spektakel anzusehen. Die Wertungsprüfung 3 war eine sogenannte Super Special Stage mit dem Namen „Marquez“. Die kurze Etappe ist sowohl für die Fahrer als auch für die Zuschauer etwas ganz Besonderes. Die Areale der Super Special Stages sind zuschauerfreundlich, gut einsehbar und lassen die Herzen echter Rallye-Fans höherschlagen. Auch ich hatte von hier einen fantastischen Blick über das Gelände und die Stage.

Am Ende des aufregenden Tages ging es zurück in den Service-Park nach Ponta Delgada. Gemeinsam mit Sean Johnston und Alex Kihurani ließen wir den Tag Revue passieren. Diese ganzen Eindrücke muss ich erst einmal verarbeiten.  Die Insel ist wahnsinnig schön. Hier ticken die Uhren anders. Das in Kombination mit einer aufregenden Rallye ist ein echtes Erlebnis und es hat mir sehr viel Spaß gemacht, hier zu sein.

 

Geschrieben von Christian Kandels

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